ARTaktiv - Team - Training

Was hier aussieht wie ein Kinderspiel, hat in Wahrheit einen ernsten Hintergrund. Hier soll eine Gruppe geformt werden oder treffender gesagt: Sich selber finden. ARTaktiv heißt das Projekt der Berufsfeuerwehr Hamburg. Alle neuen Lehrgänge, die an der Feuerwehr-Akademie der Hansestadt starten, haben diesen Tag als einen der ersten im Programm. Hintergrund: Die Lehrgangsteilnehmer, die über mehrere Jahre in der Ausbildung und später an den Wachen zusammenarbeiten, sollen teamfähig sein, sich gut verstehen und zusammenarbeiten. Denn: Einzelkämpfer sind bei der Feuerwehr nicht gut aufgehoben. Und doch bringt unsere Gesellschaft zunehmend Individualisten hervor. Doch weder im Einsatz noch an der Wache ist diese moderne Eigenart gut für das Arbeitsklima.


Wer nun aber bei dem Wort Teamtraining an externe Berater mit Sitzkreisen und Meditation denkt, wird enttäuscht sein. Zum Glück! Denn das, was die Berufsfeuerwehrleute hier für ihre eigenen, neuen Kameraden auf die Beine stellen, sind Aktionen, die nicht nur viel Spaß machen, sondern auch pädagogisch sinnvoll sind.. Vorneweg ist der Gedanke: „Wir!“ - und nicht „Du alleine“. Die drei Säulen des Systems finden sich sowohl in den drei Buchstaben der Initiative wieder als auch in drei verschiedenen Etappen. Im ersten Schritt geht es um A wie Aktion. R steht für Reflektion und zuletzt das T wie Transfer. Im ersten Modul geht es um das Kennenlernen anderer Menschen und deren Eigenarten. Die Offenheit für Neues steht hier im Vordergrund. Auf die Hilfe anderer vertrauen, bei den eigenen Schwächen – und helfen, wenn andere an ihre Grenzen stoßen, damit diese verschoben werden können. Bei der Reflektion geht es darum, all diese Schritte zu verstehen, zu schauen, ob jeder sich einbringen konnte. Es wird darüber gesprochen und auch offen Kritik geübt. Als Drittes folgt in einem späteren Modul der Transfer. Hier soll abgesteckt werden, was wie in der Arbeit an der Wache oder beim Einsatz eingebracht werden kann. „Wir versuchen all das in den Feuerwehralltag einzubringen – denn hier steht die Teamfähigkeit absolut im Mittelpunkt. Wichtig ist, dass nicht bei den Aktionen aufgehört wird. Die anderen Säulen sind ebenfalls sehr wichtig“, erklärt Claus Lochmann, Leiter des ARTaktiv-Teams.

Feuerwehrreporter: Die schwerste Übung

Feuerwehrreporter: Die schwerste Übung

Die Teilnehmer haben erst vor wenigen Tagen ihren Dienst bei der Feuerwehr Hamburg angefangen. Sie haben das Bewerbungsgespräch, den schriftlichen Test und die Sportübungen erfolgreich bestanden. Nun sind sie in der Probezeit und viele lernen zum ersten Mal – zum Teil nach einer handwerklichen Ausbildung – die Feuerwehrluft in Hamburg kennen. Schon am dritten Tag geht es dann für sie zu „ARTaktiv“. Hier sollen Sie Aufgaben lösen – und schnell wir klar: Alleine wird das nichts. „Wenn sie sich absprechen, geht es besser. Sie lernen auch, Hemmschwellen abzubauen. Oft berührt man sich bei Einsätzen, wenn es heiß hergeht, auch an Stellen, wo man es sonst nicht mag. Das gehört aber dazu – auch für die Frauen“, bestätigt Jeanette Rawe. Jeanette Rawe ist 36 Jahre alt und wird von allen eigentlich nur Jeany genannt. Seit 1999 ist die sportbegeisterte Feuerwehrfrau bei der Feuerwehr Hamburg, hat davor eine Ausbildung zur Tischlerin absolviert. Nun ist sie an der Feuerwache 15 (Stellingen) in der ersten Wachabteilung beschäftigt. Jochen Köhne (43), von der Feuerwache Veddel (F33) und Christian Kossmer (42) von der Feuer- und Rettungswache Hamburg-Rahlstedt (F21) sind beide an ihren Wachen stellvertretende Wachabteilungsleiter. Die drei leiten das Tagesmodul mit dem 106. LamD der Feuerwehr-Akademie Hamburg. LamD steht für Laufbahnausbildung zum mittleren feuerwehrtechnischen Dienst. 22 junge Menschen gehören in diesen Ausbildungslehrgang.

Feuerwehrreporter: Der 106. LamD

Feuerwehrreporter: Der 106. LamD

Seit 2007 gibt es ARTaktiv in Hamburg – 15 Tage lang wurden dafür 13 Berufsfeuerwehrleute und die Landesfeuerwehrpastorin geschult und zu Erlebnispädagogen ausgebildet. Zu dieser Ausbildung gehörten vor allem Outdoor-Aktionen und die Möglichkeiten, mit verschiedensten Mitteln und Aktionen ein Teamtraining mit Inhalten zu füllen. Seither werden die Ausbildungslehrgänge zum LamD und zum LagD (Ausbildung zum gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst) nach und nach geschult. Auch an den Berufsfeuerwehrwachen bilden die Trainer auf Wunsch aus und helfen, die Führungsebenen mit diesen neuen Ideen zu versorgen. Wichtig dabei augenscheinlich: Wenn die Führung teamfähig ist, läuft auch die Arbeit der Mannschaft besser. Der 106. LamD, bei dessen Ausbildung erstmals ein Reporter dabei sein durfte, wurde den gesamten Tag vom Dräger Feuerwehr-Reporter begleitet. Auffallend: Die erste Scheu und Zurückhaltung einiger neuer Feuerwehr-Kollegen legte sich innerhalb kürzester Zeit. Schnell zeigte sich: Wer wird ruhig bleiben, wer aktiv dabei sein, wer erst einmal zuschauen. Doch spätestens am Nachmittag waren all diese ersten „Schubladen“, in die jeder den anderen gesteckt hatte, geöffnet und ein ganz anderes Bild trat hervor. So wurden augenscheinlich aufbrausende Kerle zu sanften, ruhigen und tollen Teamplayern. Optisch und vom ersten trügerischen Eindruck hätte man diese Eigenschaft vermutlich erst nach Wochen herausfinden können. „Und genau das ist unser Ziel!“, freuen sich die Teamtrainer über die Erkenntnis.

Feuerwehrreporter: Nur einer kann sehen

Feuerwehrreporter: Nur einer kann sehen

Neben Aktionen in der Halle, in denen die Gruppe teilweise aufgeteilt gemeinsam Lösungen finden musste, gab es auch trotz Kälte im Außengelände der Feuerwehr-Akademie an der Bredowstraße in Billstedt Aufgaben zu absolvieren. Unter anderem musste ein sehendes Mitglied seine durch Augenklappen „verblindete Gruppe“ über das Gelände führen. Der Teamtrainer gab den Weg vor. Eine weitere Schwierigkeit: Es durften nur vorher vereinbarte Berührungen als Zeichen dienen, die vom Sehenden ganz hinten nach vorne weitergegeben werden mussten. Gesprochen werden durfte dabei nicht. „Blind auf andere verlassen und als Sehender alle nötigen Informationen deutlich und rechtzeitig weitergeben. Das ist einer der wichtigen Aspekte dieser Aktion“, erklärt Christian Kossmer später. Der gelernte Schlosser ist seit 1991 bei der Feuerwehr. „Früher gab es so etwas nicht. Leider! Nach meinem Fachabitur bin ich zur Feuerwehr gegangen. Da war vieles anders – nicht besser als heute.“ Seine Leidenschaft neben Klettern und Seilen gehört dem Fröbel-Turm. Ein Spiel, das es in sich hat. Auch hier geht es vor allem darum, ohne etwas zu sehen einen Turm zu bauen. Geleitet werden mehrere „blinde Kräne“ durch sehende Kameraden, die aber nicht den Kran berühren dürfen, der den Turm aus Holzklötzen bauen soll. Nur Hinweise, Anweisungen – Befehle also - dürfen gegeben werden. Wenn ein Befehl nicht richtig sitzt,, wird es nichts mit dem Erfolg. Die Nähe zur Feuerwehr ist schier beeindruckend. „Wer dies einmal mitgemacht hat, gibt seinem Trupp ganz andere Befehle und Hilfen“, sagt Kossmer. Während auf der einen Seite der Halle der Fröbel-Turm gebaut wird, will der andere Teil der Gruppe hoch hinaus. Am Kletterseil. Auch hier ganz wichtig: Knotenkunde und gegenseitiges Vertrauen. Was manch Kletterer bei seinen ersten Versuchen von oben nicht sehen kann, erspäht sein Partner am Boden und kann eingreifen und Tipps geben. Aber auch das geht nur, wenn beide kommunizieren und sich unterstützen.

Feuerwehrreporter: Der Fröbel-Turm

Feuerwehrreporter: Der Fröbel-Turm

Auch die weiteren Aktionen und Aufgaben hatten es in sich – alle sollen nicht erzählt oder erklärt werden, zu viel Zauber würde verloren gehen, wenn man es nicht selber erlebt oder mitmacht. Doch eines ist klar: Die Arbeit, die hier innerhalb weniger Stunden geleistet wurde, ist schier nicht aufzurechnen. Denn Vertrauen und Kommunikation, das Kennenlernen des anderen, all das, was hier innerhalb kürzester Zeit auf eine solide Basis gestellt wurde, braucht im normalen Unterricht vermutlich Monate. Denn Zeit, um sich zu sozialisieren und „zu beschnuppern“, haben Ausbildungslehrgangsteilnehmer zumeist nur in den Pausen. Übrigens: Das zweite Modul wird etwa anderthalb Jahre später auf die Mitglieder des 106. LamD zukommen, kurz vor einer Prüfung. Dann, wenn sie die Gruppe verlassen und an die Wachen verteilt werden. Dann startet ein neuer Abschnitt im Leben der neuen Feuerwehrleute in Hamburg. Wer bei ARTaktiv dabei war, weiß um den Nutzen dieser neuen Form der Ausbildung.