Atemschutz-Notfall-Training

Die Anwendung von Atemschutz ist heute eine der elementarsten Aufgaben der Feuerwehren. Selbst bei Kleinfeuern unter freiem Himmel wird oft Atemschutz angelegt, denn es kann niemand genau sagen, welche Stoffe gerade abbrennen. Giftige Dämpfe und austretende Gase werden schnell zu einer Gefahr für jede Einsatzkraft ohne Atemschutz.


Kein Feuerwehrmann der Welt kann jemanden aus einer Gefahrensituation retten, wenn er vorher selbst zusammenbricht. Daher ist der Anblick von Atemschutzgeräten für Feuerwehrleute auch bei Einsätzen der Technischen Hilfe keine Seltenheit mehr. Pressluftatmer (PAs) werden die Geräte auch genannt und diese helfen, auf dem Rücken getragen, Leben zu retten und zu schützen, selbst bei Verkehrsunfällen oder bei Einsätzen in Tiefen oder Höhen.

Wie Feuerwehrleute unter Atemschutz richtig im Einsatz und bei Übungen tätig werden lernen sie nicht nur in den eigenen Wehren, sondern auch an den Landesfeuerwehrschulen ihres Bundeslandes. Eine von diesen bundesweit 16 Einrichtungen fällt beim Thema Atemschutz besonders auf: Die Landesfeuerwehrschule Sachsen in Elsterheide ist gerade erst am Standort, dem Ortsteil Nardt, erweitert und erneuert worden. Seit einiger Zeit wird hier besonders auf die Atemschutznotfallrettung eingegangen. Am Sonnabend, den 28. August 2010, gibt es einen großen Tag der offenen Tür. Dort sollen alle im ersten Bauabschnitt errichteten Gebäude der Öffentlichkeit präsentiert werden. Viele Feuerwehrleute werden erwartet. Auch die Atemschutzübungsanlage, Herzstück des Neubaus, darf besichtigt werden. Atemschutz ist insgesamt eines der wichtigsten Steckenpferde der Ausbilder an der Landesfeuerwehrschule, kurz LFS, und nicht nur des Fachbereiches Technik. Die 13. Fachtagung zu genau diesem Thema steht im April 2010 an und ist mit über 200 Anmeldungen restlos ausgebucht: „Wir gehen extra nach Hoyerswerda. Dort haben wir Räume in einem Gymnasium. Unser eigener Hörsaal wäre zu klein gewesen“, berichtet Wolfgang Gabler. Der Diplom-Ingenieur ist 59 Jahre alt und seit 1983 im Fachbereich Technik tätig. Seit 1990 leitet er ihn.

Schon oft, für sein Verständnis leider viel zu oft, musste er Unfallberichte studieren oder in den Medien von schweren Unfällen mit Atemschutz lesen. Genau dort einzugreifen und die Unfallzahlen zu senken – das ist Gablers Wunsch. Er möchte helfen, ein besseres Verständnis für die Technik und die damit verbundene Ausbildung herzustellen. Wichtig ist ihm dabei: „Auf diese Einsätze muss man sich vorbereiten, auch auf die Rettung von Atemschutzgeräteträgern. In der Einsatzvorbereitung und der Rettungslogistik muss jeder abgesichert sein. Unfallrisiken lassen sich leider auch durch Atemschutzgeräte nicht vollständig ausschließen.“ Seit vielen Jahren werden daher Unfälle und Beinahe-Unfälle analysiert und immer wieder neu bewertet. So gab es leider in den vergangenen Jahren auch in Deutschland sogar tödliche Unfälle, die aufgearbeitet werden mussten. Dabei wurde festgestellt: Die Unfallursache war häufig menschliches Versagen und seltener ein technisches Problem.

Feuerwehrreporter: Christian Kociok (23), von der BF Dresden beim Masken-Anlegen

Christian Kociok (23), von der BF Dresden beim Masken-Anlegen

Die Feuerwehren selber haben, nicht zuletzt aufgrund der tödlichen Unfälle, ihr Verständnis für den Atemschutz genauer unter die Lupe genommen. Seither legen viele Wehren mehr Wert auf Ausbildung und die körperliche Fitness jedes Feuerwehrangehörigen. Auch die Feuerwehr-Unfallkassen sind an diesem Thema dran. Die Kommunikation zwischen den Einsatzleitern und den eingesetzten Trupps unter Atemschutz ist inzwischen durch die Feuerwehrdienstvorschriften (FwDv) klar definiert. Gabler betont: „Die Arbeit greift ineinander über, wie bei einer Kette: Die Geräte müssen durch den Atemschutzgerätewart ordnungsgemäß gewartet sei. Der Träger weiß, wie er sich unter den Geräten zu verhalten hat, kann sie bedienen und auch Notsituationen meistern. Der Einsatzleiter muss die Verantwortung für den Atemschutz übernehmen können!“ Wenn nur ein Glied dieser Kette nicht richtig funktioniert, kann das Leben eines Atemschutzgeräteträgers gefährdet sein.

Die Technik hinter Atemschutzgeräten ist höchst kompliziert – der Nutzen aber ist schnell erklärt: Normale, oft leicht gereinigte Umgebungsluft wird zuvor in Atemschutzwerkstätten unter Druck in die Flaschen gepumpt. Dann warten die Flaschen im Löschfahrzeug der Feuerwehren auf ihren Einsatz. Über Druckminderer kann nun der Atemschutzgeräteträger (AGT) während des Einsatzes „frische Luft“ mit ausreichendem Sauerstoffanteil einatmen. Denn der Träger hat zusätzlich eine so genannte Atemschutz-Maske angezogen, durch die keine Umgebungsluft in die Atemwege eindringen kann. So kann der Feuerwehrmann auch in noch so verrauchten Räumen arbeiten – oder in Tiefen, in denen Gase den Sauerstoff komplett verdrängt haben. Natürlich bringt all dieser Atemschutz nur etwas, wenn der Feuerwehrmann seine Schutzkleidung korrekt angelegt und sich mit einem Helm gut behütet hat.

Feuerwehrreporter: Christian Kociok, Frank Pelant, Matthias Lehnigk & Willy Merker

Christian Kociok, Frank Pelant, Matthias Lehnigk & Willy Merker

Für die Aus- und Fortbildung der Atemschutzgeräteträger gibt es an der LFS eine Art Drahtkäfig mit verschiebbaren Böden und Seiten. Diese Atemschutzübungsstrecke soll die Feuerwehrleute vor allem in extreme Stresssituationen versetzen und auch auf Einsätze in fremden und nicht alltäglichen Umgebungen vorbereiten: Vieles ist real, manches extra übertrieben, um den Einsätzen ein Stück näher zu kommen. Denn hier gibt es im Innenangriff immer Dunkelheit, Nebel und Geräusche wie laute Schreie. Doch hier sind sie um ein vielfaches höher als in Übungen außerhalb dieser Strecke. Der Puls der Feuerwehrleute wird dabei dauerhaft fernüberwacht. Die Belastungstests und weitere Schulungen, wie Feuerwehrübungen, nach denen ein vorgegebenes Szenario in Ruhe abgearbeitet wird, ergänzen sich. So wird ein ganzheitliches Konzept aus der Ausbildung. Einen ausgedehnten Fitnesstest und schriftliche Lernerfolgskontrollen gilt es in der Ausbildung zu überstehen. Aber nicht nur während der Ausbildung zum Atemschutzgeräteträger gibt es die Atemschutzübungsstrecke und Feuerwehrübungen. Im freien Gelände oder zum Beispiel in Räumen, die wie holzverarbeitende Betriebe aufgebaut sind wird das Wissen vertieft.

Während der Ausbildung zur Atemschutznotfallrettung in einem Lehrgang für Brandmeister-Anwärter der Berufsfeuerwehren aus Sachsen spielt Wolfgang Gabler folgende Übungsszenerie ein: „Dichter Rauch in Tischlerei, kein Feuer feststellbar. Ein Trupp unter PA in die Tischlerei über den Haupteingang zur Erkundung vor!“ Der Truppführer tastet sich vor, dann die Schrecksekunde – die zum Glück nur gestellt wird – Matthias Lehnigk (28) stürzt, dicke und schwere Holzlatten begraben ihn unter sich. Auch sein Trupp-Partner Willy Merker (22) verletzt sich. Beide können sich nicht mehr selbst befreien, rufen per Funk um Hilfe: „Mayday, Mayday, Mayday!!!“

Feuerwehrreporter: Das Atemschutz-Masken anlegen ist elementar

Das Atemschutz-Masken anlegen ist elementar

Dann geht alles ganz schnell. Ein weiterer Trupp, der Sicherheitstrupp des angenommenen Atemschutzeinsatzes, mit Christian Kociok (23) und Frank Pelant (28) eilt zu den Verletzten, nachdem der Einheitsführer es befohlen hat. Problem: Die Luft in der Flasche wird für den Eingeklemmten eng, der Druck lässt nach – es ist nur noch wenig lebensnotwendige Atemluft verfügbar. Der Sicherheitstrupp ist ausgerüstet mit einem neuen Rettungsgerät – eine separate Atemluftflasche mit Druckminderer, Lungenautomat und Vollmaske in einer Rettungstasche. So wird dem eingeklemmten Kollegen schnell durch tauschen der Mitteldruckleitung geholfen. Doch genau dieser Handgriff ist sensibel, denn auf den Befehl „1, 2, 3“ hält der Verunfallte die Luft an, die Leitung von der fast leeren Flasche wird getrennt und an die neue, volle Flasche angeschlossen. In diesen wenigen Sekunden muss der Feuerwehrmann die Luft anhalten – Ventile versperren giftigen Rauchgasen den Weg in die Schläuche, daher kann auch er nicht atmen. Wenn bei dem Tausch etwas schief geht, kann der Kollege in Panik verfallen und sich die Maske vom Gesicht reißen. Dann wäre alles vorbei. In der Übung und wohl auch im wahren Leben.

Die künftigen Berufsfeuerwehrleute aus Dresden haben die Handgriffe gelernt – hier sitzt alles. „Wir haben das Zusammenspiel beim Tauschen der Mitteldruckleitung geübt. Das müssen wir lernen. Wichtig ist, dass wir wirklich zusammenarbeiten, nie einer alleine. Es darf nicht in Hektik ausarten, sondern muss schnell, gezielt und sicher von statten gehen“, sagt Matthias Lehnigk. „Mir ist die Atemluft ausgegangen – und dann wurde das An- und Abkuppeln mit einer Zweitflasche geübt“, resümiert der eben noch eingeklemmte Truppmann. „In der Übung ist es noch ein gutes Gefühl, aber im Ernstfall stelle ich mir es sehr schwer vor. Ich habe so etwas zum Glück noch nicht selbst erlebt.“

Feuerwehrreporter: Reichlich vorhanden Atemschutzgeräte und Masken in Behältern

Reichlich vorhanden Atemschutzgeräte und Masken in Behältern

Die LFS Sachsen hat sich dem Schwerpunktthema in der „Ad-hoc-Arbeitsgruppe Atemschutz“ angenommen. So hat sie Handlungsempfehlungen zur Durchführung von Übungen in einer Atemschutzübungsstrecke erarbeitet und darüber hinaus auch die Atemschutzüberwachung präzisiert. „Vor gut zweieinhalb Jahren drängte die Situation im Atemschutz zur intensiven Beschäftigung mit dem Thema Atemschutznotfallrettung. Die Notfallrettung wurde bis dato dezentralisiert von verschiedenen Quellen bearbeitet. Hinweise zur Durchführung von Rettungsmaßnahmen im Atemschutz wurden nur vereinzelt und thematisch auf die tatsächliche Rettung begrenzt veröffentlicht. Aber umfassende Konzepte, also die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Atemschutznotfallrettung betreffend, waren in ihrer Komplexität unbekannt oder sie wurden nicht über Kreis- oder Bundeslandgrenzen kommuniziert“, erklärt Wolfgang Gabler.

Ihm ist wichtig, dass jede Feuerwehr ihren eigenen Weg findet – genau dazu passend, welche Einsatzaufgaben bei der Feuerwehr, egal ob Freiwillige Feuerwehr, Berufs- oder Werkfeuerwehr, anstehen. Dank der Ausarbeitungen aus Sachsen ist das Thema Atemschutz ein Stück einfacher geworden – in der täglichen Arbeit der Feuerwehren. Vor allem aber ist die Sicherheit gestiegen – denn bei jedem Einsatz von Atemschutz lauern Gefahren, die es zu umschiffen gilt – damit alle Kameraden und Kollegen nach den Einsätzen wieder sicher an der Wache und zu Hause ankommen.

Feuerwehrreporter: Diplom-Ingenieur Wolfgang Gabler, Fachbereichsleiter Technik

Diplom-Ingenieur Wolfgang Gabler, Fachbereichsleiter Technik