Feuerwehr-Dienstsport: Vorbild Tribsees

Sportlichkeit und Fitness haben in Deutschland eigentlich einen recht hohen Stellenwert. Doch gerade unter ehrenamtlichen Kräften lässt die Lust, sich sportlich zu betätigen, oft zu wünschen übrig. Die Gründe sind vielfältig. Neben Beruf, Familie und Ehrenamt noch Zeit für Sport zu finden, ist schwierig. Vielen fehlt auch der Antrieb oder die Lust. Gerade was Fitness angeht, denken einige an das quälende Zirkeltraining in der Schule zurück. Doch das sogar diese Art von Bewegung nicht nur die körperliche Fitness erhöht, sondern auch noch Spaß bringt, das zeigt das das Vorbild Tribsees in Sachen Feuerwehr-Dienstsport.

Ein Großteil der Wehr trifft sich jeden Sonntag in einer Bundeswehr-Sporthalle zum gemeinsamen Training. Nicht nur Atemschutz-Geräteträger sind aktiv und voller Energie dabei. Klaus-Dieter Quade (48), lange Zeit Jugendfeuerwehrwart, ist nun Wehrführer in Tribsees und trainiert selber mit. „Ziel ist eigentlich nicht nur die Fitness. Wir stärken durch das regelmäßige Training auch die Kameradschaft und wie ganz nebenbei machen wir Sport.“ 2003 startete die Wehr offiziell mit dem Dienstsport, für Quade selber wurde schnell mehr daraus. 2007 nahm er an den Europameisterschaften im Feuerwehrsport teil, inzwischen trainieren mit ihm zwei weitere Kameraden seiner Wehr und sind aktiv im Team-MV - dem Feuerwehr-Sport-Team des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Die anderen seiner 29 aktiven Feuerwehrkameraden, darunter sieben Frauen, sind zwar auch sportlich aktiv, bleiben aber beim Dienst-Sport und fühlen sich wohl. Die Balance zu halten zwischen ehrenamtlichem Leistungssport, also dem Trainieren auch für Feuerwehr-Olympiaden, und der reinen Erhaltung der Feuerwehr-Tauglichkeit ist nicht leicht. Die Einen fühlen sich unter- die Anderen überfordert. Doch fast die gesamte Wehr kommt zum Dienstsport. Selbst die Hochleistungs-Sportler sind integriert und geben wertvolle Tipps an die Kameraden weiter.

Wehrführer Klaus Quade (48), dahinter Feuerwehrreporter: Vertreter Gerd Mietzner

Wehrführer Klaus Quade (48), dahinter Vertreter Gerd Mietzner

Seit einigen Jahren gibt es in Sachen Sport Hilfestellungen für ambitionierte Feuerwehrleute. Doch nicht etwa durch die Wirtschaft kommen diese Impulse, nein: Ein Unfallversicherungsträger für Feuerwehrleute hat sich dem Thema angenommen. Die Hanseatische Feuerwehr-Unfallkasse Nord (HFUK-Nord) bietet inzwischen Trainerseminare für die Wehren an und finanziert diese. „Wer im Feuerwehreinsatz nicht fit ist, kann sehr schnell einen Unfall haben. Deswegen ist es unsere Aufgabe zu mehr Sport und Fitness zu motivieren“, sagt Christian Heinz, der für die Kampagne „fitforfire“ zuständig ist. Als einziger und erster Unfallversicherungsträger für Freiwillige Feuerwehrleute in Deutschland hat Heinz mit zahlreichen Unterstützern zwei Leitfäden herausgebracht: „In dem einen kümmern wir uns um den Feuerwehrsport allgemein. Ein weiterer ist zum Thema Sport in der Jugendfeuerwehr herausgekommen.“ Beide zahlreich bebilderten Hefte sind seit ihrem Erscheinen in den Jahren 2008 und 2009 sehr begehrt: „Wir bekommen aus ganz Deutschland Anfragen, sogar nach Österreich und in die Schweiz sind die Bücher schon versendet worden. Leider müssen aber Wehren, die nicht in Norddeutschland liegen – also Kameraden, die nicht über uns versichert sind, einen kleinen Obolus für die Hefte bezahlen. Anders wäre der kostspielige Druck nicht zu finanzieren.“
Sport ist deswegen für die Feuerwehr-Einsatzkräfte so wichtig, da schon in Übungsdiensten schwerste körperliche Arbeit gefordert wird. Nicht nur das Tragen der Atemschutzgeräte und der Schutzausrüstung schlagen mit etwa 35 Kilogramm zusätzlichem Ballast zu Buche, auch die Umgebung an sich fördert Stress und erhöht die Belastung. „Bereits durch die Alarmierung wird der Körper in einen Stresszustand versetzt“, sagt Christian Heinz. „Studien vergleichen inzwischen die Belastung im Feuerwehrdienst mit Hochleitungssport, den Athleten ausüben, die zuvor viele Jahre trainiert haben, um am Wettkampftag eine Höchstleistung abzurufen. Feuerwehrleute erbringen diese Leistungen oft ohne regelmäßiges Training, dazu mitten in der Nacht und ohne Vorwarnung.“

Feuerwehrreporter: Oben radeln Yvonne, Veronika, Ursula, Silvia unten wird gespielt

Oben radeln Yvonne, Veronika, Ursula, Silvia unten wird gespielt

Die Erkenntnisse liegen auf der Hand, aber wie kann hier etwas geändert werden? Den Job aufgeben, um sich für die Feuerwehr fit zu halten? Unmöglich! „Das ist auch gar nicht gefordert“, sagt Christian Heinz. Er setzt auf die Strategien, die hinter „fitforfire“ stehen. Interessierten Wehren steht die Hanseatische Feuerwehr-Unfallkasse zur Seite, räumt Missverständnisse aus und klärt auf. Als Erstes steht die Erarbeitung eines Anschubtrainings auf dem Plan. Hier sind sogar Finanzmittel zur Verfügung gestellt worden, ein Übungsleiter kann den Wehrkameraden das nötige Wissen vermitteln. Vor allem Ausdauer und Kräftigung der Muskulatur sind wichtig, Mannschaftsspiele dienen der Auflockerung und vor allem der Förderung der Kameradschaft. 15 Wochen gibt es diese Hilfe samt Trainer, die Hürden für diese Hilfe sind gering: „Wir wollen, dass jeder starten kann. Denn ist der Anfang erst einmal gemacht, bleiben fast alle beim Sport dabei“, sagt Christian Heinz. Eine Erfahrung, die auch Wehrführer Klaus Quade teilt: „Es ist nicht Ziel, die Kameraden zum Training zu zwingen. Jeder kann mitmachen, muss aber nicht. Es gibt aber inzwischen sogar Familienangehörige, die beim Sport dabei sind. Partner oder Kinder sind so über den Sport zur Feuerwehr gekommen. Auch andere, die nicht in einen Sportverein wollten, sind nun bei uns aktiv. Natürlich trainieren dabei alle, die kein Feuerwehrmitglied sind, privat-versichert.“ Alle anderen sind wie bei den Einsätzen und Übungsdiensten über die HFUK-Nord abgesichert.

Feuerwehrreporter: Der Funkmeldeempfänger ist auch während des Sports auf Empfang

Der Funkmeldeempfänger ist auch während des Sports auf Empfang

Drei Stunden lang wird trainiert. Von 16 bis 19 Uhr gehört die Halle der Bundeswehr den Feuerwehrleuten aus Tribsees. Gemäß des Leitfadens wird immer nach dem gleichen Schema Sport gemacht: „Auch wenn manche ab und an murren, weil sie nur Fußballspielen wollen“, sagt Quade. Zu Beginn laufen sich die Sportler warm, nach Dehn- und Kraftübungen gibt es Gruppenspiele. „Dabei lassen wir allen frei, was sie tun wollen. Demokratisch, wie in der Wehr“, erzählt Anne Ewald (23), die schon zwei Mal deutsche Meisterin im Feuerwehr-Sport wurde und mit weiteren Frauen des Team-MV den vierten Platz bei der Feuerwehr-Olympiade der CTIF (Internationale Vereinigung des Feuerwehr- und Rettungsdienstes) belegte. Sie ist wie Quade Vorbild für die gesamte Wehr: „So kann es doch auch nur funktionieren. Ich muss es vorleben als Wehrführer. Ich kann doch nicht Dienstsport einfordern oder anordnen und selber nichts machen“, betont der jünger aussehende 48-Jährige. Ab und an gehe die Gruppe auch nur Baden, die Abwechslung ist der Motivations-Motor. Das Angebot wird gut angenommen. Die jüngste Aktive ist gerade einmal 20 Jahre alt, Quade mit 48 der Älteste. Er spielt alles, ob Volleyball, Tischtennis, Fußball mit dem weichen Ball – alles macht er mit. „Die Feuerwehr ist wie eine Familie dadurch geworden. Wir tragen die Schwächeren und lachen nicht über Unsportliche. Es ist ein großer Schritt und verlangt Anerkennung, wenn selbst die nicht so Dünnen dabei sind und sich abrackern“, erklärt Wehrführer Klaus Quade.

Feuerwehrreporter: Demokratisch wird entschieden, was gespielt werden soll

Demokratisch wird entschieden, was gespielt werden soll

Während nach den Aufwärmübungen im unteren Teil der Halle der Fußball hin- und herfliegt, die Tischtennisplatte ausgeklappt im Nebenraum bespielt wird, radeln eine Ebene höher vier Feuerwehr-Frauen um die Wette. „Nein, wir wollen uns nur weiter fit halten oder endlich fit werden“, spaßt Ursula Maaß (53), „ich bin figur-bedingt hier.“ Yvonne Pohl (25) ist die Jüngste, hört Musik über die Kopfhörer: „Ich mag kein Fußballspielen, finde es gut, dass wir etwas anderes machen können in der Zeit.“ Veronika Urlaub (49) möchte abnehmen: „Zwei meiner Jungs sind in der Feuerwehr, ich wohne seit sechs Jahren in Tribsees. Ohne Sport wäre mir langweilig“, sagt die Truppführerin. Auch Silvia Maaß, Mutter von Yvonne Pohl sitzt im Trainingsanzug auf dem Trimm-Rad: „Meine Schulter tut weh – da ist Bewegung genau das Richtige. Im Sommer bin ich weniger hier, da bin ich lieber im Garten. Aber im Winter tut der Sport gut“, so die 48-Jährige. Nur wenige Meter entfernt trainiert Wehrführer Klaus Quade mit einigen Kameraden: Gewichte heben und reißen. Auf dem Boden neben den Feuerwehrleuten liegt der Funkmeldeempfänger. Auch wenn alle mehr oder weniger darauf warten, dass er losgeht, bleibt er ruhig und lässt die Feuerwehrleute ihren Sport machen. Draußen ist es inzwischen dunkel und bestimmt kommt er wieder, der nächste Einsatz zur Nachtzeit – in Tribsees ist auch sportlich jeder darauf gut vorbereitet. Am 29. Mai 2010 übrigens laden die Feuerwehrleute selber ein, um den 1. Deutschlandpokal im Feuerwehrkampf zu vergeben. Alle interessierten Feuerwehrleute können hier teilnehmen.

Feuerwehrreporter: Feuerwehr-Dienstsport wird immer wichtiger

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