Interview

Was hat sich durch die Einführung des elektronischen Patienten-Daten-Managements-Systems (PDMS) in der Praxis geändert? Zwei Experten stehen Rede und Antwort:

„Man musste sich durch Akten wühlen“

Prof. Dr. Hanswerner Bause, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin in der Asklepios Klinik Hamburg-Altona, und Dr. Axel Prause, leitender Oberarzt der Intensivstation, über moderne Intensivmedizin, wirtschaftliche Therapien und Vorteile, die sich durch ein elektronisches Patienten-Daten-Management-System (PDMS) ergeben.

Sie haben vor elf Jahren ein elektronisches Patienten-Daten-Management installiert. Welche Überlegungen haben dazu geführt?

Prof. Dr. Bause: Wir wollten die Patientendaten nicht länger nur dokumentieren, sondern auch zusammenführen und interpretieren. Die Papierdokumentation war und ist dagegen eine eher buchhalterische Leistung – man schreibt lediglich auf, was man beobachtet hat.

Dr. Prause: Zudem fehlte vielfach die Übersicht über die Behandlungsabläufe. Wenn man beispielsweise wissen wollte, mit welchen Antibiotika ein lange liegender Patient behandelt wurde, musste man sich durch Akten wühlen. Das kostete viel Zeit. Um auf der sicheren Seite zu sein, nahm man dann das teuerste und beste Antibiotikum. Das wiederum wirkte sich auf die Wirtschaftlichkeit aus.

Nach welchen Kriterien haben Sie damals den Anbietermarkt analysiert?

Prof. Dr. Bause: Wir haben einen zuverlässigen Partner gesucht, mit dem wir unsere Ideen umsetzen konnten. Unsere Vision war banal: Wir wollten das, was wir dokumentieren, auch auswerten können – das war bis dahin nicht möglich.

Wie verlief die Kooperation zwischen Ihnen und Dräger in der Entwicklungsphase?

Dr. Prause: In den ersten sechs Monaten wurde viel konfiguriert und programmiert. Ein solches System muss man immer individuell anpassen. Dräger lieferte die allgemeinen Funktionalitäten, wir den individuellen Kern. Wenn man so vorgeht, entdeckt man schnell, wo es hakt.

Welche Voraussetzungen mussten Sie schaffen, um auf das neue System umzustellen?

Prof. Dr. Bause: Zunächst hat ein Mitarbeiter die Verantwortung für unsere Prozesslandschaft übernommen, und diese genau analysiert. Dabei hat er eng mit den Kollegen zusammengearbeitet, ihre Wünsche aufgenommen, und im System umgesetzt.

Dr. Prause: Neben der frühen Einbindung aller Mitarbeiter ist auch deren Schulung sehr wichtig. Vor mehr als zehn Jahren haben wir dafür extra einen Raum mit vier Rechnern eingerichtet. So konnte jeder, mit der Maus in der Hand, das System kennen lernen. Damals war es noch nicht selbstverständlich, mit dem Computer zu arbeiten. So dauerte es auch fast drei Wochen, bis etwa 45 Personen geschult waren. Dann begann die praktische Umsetzung – zunächst bei jedem zweiten Patienten. Nach einer Woche war dann alles umgestellt.

Gab es Vorbehalte gegen die Einführung des neuen PDMS?

Dr. Prause: Es gab jede Menge Bedenken, vor allem auf Seiten der Ärzte. Einige Kollegen sprachen noch zwei Jahre später davon, wie übersichtlich die handschriftlich ausgefüllten DIN A3-Blätter doch gewesen seien. Und tatsächlich gibt es auch heute noch Kollegen in anderen Häusern, die an der herkömmlichen Methode festhalten.

Wie haben die Mitarbeiter auf die neue „Arbeitswelt“ reagiert?

Dr. Prause: Der größte Teil des Pflegepersonals war sofort überzeugt. Die Vorteile liegen ja auch auf der Hand: Alle Informationen sind schnell und in lesbarer Form verfügbar. Ärzte nutzten die Vorteile, dass Verordnungen von einer Datenbank unterstützt und Empfehlungen zu Standarddosierungen gegeben werden, die sich natürlich individuell an den Zustand des Patienten anpassen lassen.

Prof. Dr. Bause: Aber es hat auch etwas Sorge gegeben. Wenn früher ein Arzt ein falsches Medikament verordnet hatte, dann war nicht sofort zu erkennen, wer das war. Jetzt ist das in der Historie des Systems hinterlegt. Das hat in der Startphase durchaus Ängste geschürt.

Konnten sie ihren Mitarbeitern diese Sorge nehmen?

Prof. Dr. Bause: Wir mussten das Vertrauen herstellen, dass Fehler Teil jeder menschlichen Arbeit sind, und keine Sanktionen nach sich ziehen. Die Mitarbeiter haben jetzt mehr Vertrauen. Heute ist es auch kein Thema mehr, dass Handlungen nachzuvollziehen sind. Darüber hinaus arbeiten wir mit Therapieplänen, die Fehlerwahrscheinlichkeiten deutlich reduzieren.

Wie hat sich das Management der Patientendaten durch die Einführung der computergestützten Dokumentation verändert?

Dr. Prause: Verordnungen und andere Eingaben stehen in dem Moment, in dem sie gemacht werden, auf allen Rechnern zur Verfügung. Der Vorteil: Sie können an einem Arbeitsplatz etwas planen und an dem anderen bereits daran arbeiten.

Prof. Dr. Bause: Heute sind an unserem Arbeitsplatz alle Informationen verfügbar: Röntgenbilder, Labor-, Monitor- und Beatmungsdaten. In ICM kann man Sepsisparameter, typische Sepsismarker mit der relevanten Medikation (Katecholamine, Antibiotika) und Flüssigkeitsbilanzen zusammenfassen. Das alles sehen wir über einen Verlauf von sechs Tagen. So wird es deutlich einfacher, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Wie hat sich die Umstellung auf die Auslastung der Mitarbeiter ausgewirkt?

Dr. Prause: Die Arbeitszeit wird jetzt „effizienter“ genutzt. Wir haben nun mehr Zeit, den Patienten zu untersuchen und seinen Gesundheitszustand zu dokumentieren. Der medizinische und pflegerische Aufwand für das Personal ist mittlerweile sehr viel größer: Patienten, die wir heute auf die Normalstation verlegen, sind ungefähr so krank wie die, die wir vor zehn Jahren auf der Intensivstation behandelt haben.

Prof. Dr. Bause: Das alles wirkt sich auf die ebenfalls gestiegenen Anforderungen an die Dokumentation aus, bei denen uns nun das PMDS unterstützt.

In welchen anderen Bereichen lassen sich PDMS noch einsetzen?

Prof. Dr. Bause: Ich kann mir die elektronische Dokumentation gut in der zentralen Notaufnahme vorstellen, aber auch in der Notfallmedizin oder im OP.

Dr. Prause: Unsere für Intensivstationen entwickelte Konfiguration ist für Normalstationen zu komplex. Bei Verlegungen von Intensiv- auf Normalstationen entstehen daher Brüche in der Dokumentation.